Spielerfrau

Bleiern lastet die Hitze über dem Platz. Nicht eine Wolke am Himmel. Flirrend verwischt die Luft Konturen und dämpft die Farben in mattes Pastell. Verschwommenes Weiß lässt die Sonne vermuten. Das Gras ist braun. Die wenigen Zuschauer suchen vergeblich Schatten unter den Sonnenschirmen am Rand und trinken Bier. Es ist elf Uhr am Vormittag.

Zwischen den ausgetretenen, einst weißen Linien müht sich die A-Jugend der Kreisliga redlich. Vergeblich. Und an der Bande mit der Werbung des ortsansässigen Metzgers steht sie. Dem Sommer genügend, funktionierte ein Vereinstrikot mit der Nummer 3 als Minikleid. Darunter trägt sie einfach nichts, außer ihren Brüsten. Rammdösig lutscht sie an einem Lolli. Lippen rot. Der Trainer starrt, muss seine Mitte neu sortieren. Eins zu Null für die Gastmannschaft. Verärgerte Rufe aus dem Publikum. Nur verhalten anfeuernd dann.

Das Mädchen am Rande aber hat nur Augen für den einen. Den Hoffnungsträger der ortsansässigen Elf. Der Bierdunst des lokalen Stammtischorakels sagt ihm eine große Karriere voraus, seit er damals einen Ball vor den Kopf bekam und dem Kindergarten fern bleiben musste. Für Wochen. Die Mutter schleppte ihn zum Arzt, zweimal die Woche. Er wartete wie ihm gesagt war. Meist dauerte es nicht sehr lange. Das heisere Quieken der Mutter hinter der Milchglastür zu Behandlungsraum Nummer drei jedoch ängstigte ihn. Sie musste sehr krank sein. Manchmal saß er da und lachte. Ein Muttersöhnchen war er wahrlich nicht, der Sohn des Bürgermeisters. Und keiner sonst wusste davon. Nun ist er der aufgehende Stern am Fußballhimmel, und sie an seiner Seite. Abpfiff. Noch ein paar Selfies auf die Schnelle für die  sozialmediale Entourage. Sie fühlt sich bereit, als seine Frau mit allem, was ihr erstrebenswert scheint.

Seine Eltern mögen sie nicht. Das Mädchen aus der Arbeitersiedlung ist ihnen fremd. Also ficken sie gelegentlich in seinem Auto. Hinter dem Vereinsheim, wenn die anderen weg sind. Genau genommen mag er es nur mit der Hand. Also macht sie es erst ihm, und dann sich selbst. Spielerfrau. Nur einmal war er so betrunken, dass sie sich einfach auf ihn setzte. Jetzt muss sie mit ihm reden.

Das Spiel endet tragisch. Kein Grund zum Feiern. Donnergrollen in der Ferne. Der Platz leert sich. Alle wollen nach Hause vor dem Regen. Und dann ist sie die Letzte auf dem Parkplatz. Sie beschließt, ihn zu suchen, betritt das Vereinsheim, geht allein durch leere Gänge. Zuletzt findet sie ihn in der Dusche. In gebückter Haltung vor dem nubischen Linksaußen. Dieser kam vor einem Jahr erst mit seinen Eltern. Jetzt steht er breitbeinig hinter ihrem Freund. Rhythmus im Blut.

Dieser eine Moment, in dem sie begriff, katapultierte ihr ohnehin begrenztes Universum heiser quiekend aus seinen losen Angeln. Das war vor fünf Jahren. Morgen wird sie ihr Kind zum Training anmelden im örtlichen Fußballverein.

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