Schreiber´s Illusion

Irrlichterndes Halbdunkel wabert unstet durch den Raum, duckt sich nachtschattig in den Nischen und bricht dann tiefschwarz über ihn herein. Wie die Wogen ozeanischer Unendlichkeit. Es ist kalt. Reste von Schnee im Zimmer wie zurückgebliebene Gischt. Er kauert in dem plüschigen Sessel am Fenster. Nackt. – Abgesehen von der linken Socke. Gierig saugt er den Rest der Zigarette tief in die schmerzenden Lungen.

Achtsam getragene Wäsche, unachtsam verteilt zwischen leeren Flaschen und umgeworfenen Gläsern. Klebriges Blutrot auf weißer Auslegeware. Zertreten und befleckt. Flickenfetzen. Erinnerung lückenhaft bis gar nicht. Auch ein tiefer Schluck aus dem Whiskyglas bringt keine Klarheit. Gurgelnd ringt er nach Luft.

Schneeweißchen und Rosenrot liegen verschlungen zwischen zerwühlten Laken. Ineinander verflochten seit er sie sich selbst überließ.

Die letzte Lesung am Abend war ein Erfolg. Berauschend. Der Saal gefüllt bis auf den letzten Platz. Und obwohl er nur Fragmente vortrug, stehende Ovationen am Ende. Literarischer Rockstar, Gegenwartslyriker ohne Blatt vor Mund und Lenden. Er liebt das Rampenlicht. Und die Zarten vor der Rampe lieben ihn. Die Blümchen an der Mauer pflücken sich am leichtesten. Belebende Aufmerksamkeit in ihrer alltäglichen Belanglosig-keit. Betörende Feuchte auf dem Opferstein der Poesie.

Eine Aftershowparty für all die Verlagsvertreter und Lektoren, die das in Worte gebrannte Ausbluten seiner Seele nicht verstanden und ein ums andere Mal abgelehnt hatten. Nun umkreisen sie ihn wie Motten das Licht voller Hoffnung, wenn nicht das Licht selbst, so doch zumindest sein fahler Widerschein möge sie erhellen. Er steht abseits und beobachtet ihr Bemühen. Weiß dabei nicht, ob abgestoßen oder amüsiert. Eine Mischung aus beidem, beschließt er endlich. Die Party auf ihre ersten zwei Silben zu beziehen, gäbe der Veranstaltung an sich wohl ihren treffendsten Sinn. Sein Lächeln ist gequält.                                                                                                               Der Anderen Verlangen droht ihn zu verschlingen. Gierige Hände, wollüstige Lippen. Doch er sehnt sich nach Ruhe. Betäubt seinen unruhigen Geist, suchend nach Sinn und Synonymen, mit Rotwein und Whisky. Und dann beginnt es zu schneien. Mitten im Sommer in diesem abgefuckten Fünfsterneetablissement um kurz nach zwölf. Seine Erektion ist gewaltig. Die zwei Weiber ficken schon wieder.

Das erste Grau des Morgens bricht grell durch einen schmalen Spalt der schweren Vorhänge. Der Kater packt ihn hinterrücks im Genick. Der Schmerz ist laut. Fluchend versenkt er die Zigarette in dem schalen Rest Whisky. Sein Bett am Ende des kleinen Appartements ist genauso leer wie das weiße Blatt Papier in der alten Maschine auf seinem Schreibtisch.

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