Einmal noch Paris

Wie lange er so da sitzt, weiß er nicht. Stunden? Tage schon? Hell oder dunkel? Er fühlt nur grau seitdem. Verblichenes Floraldesign an den Wänden, durchbrochen nur vom zeitmessenden Hochzeitspräsent in Blasspastell. Ende der sechziger schenkten die Menschen praktisch. Abwesend beobachtet er das Zucken des Sekundenzeigers unter dem gesprungenen Glas. Den Sprung hat er vorher nie bemerkt. Je länger er jetzt darauf starrt, desto größer scheint der Sprung zu werden. Er wächst, er dehnt sich. Es ist, als atme die Uhr. Und mit jedem Atemzug entweicht die Zeit aus ihrem Gehäuse. Ihr stetiges Ticken hämmert dabei unbarmherzig die Endlichkeit des Seins in das schmerzende Bewusstsein ihres Betrachters.

Das sich jämmerlich überschlagende Kläffen des gänzlich unerzogenen Kindersatzes der Nachbarin reißt ihn jäh aus seiner lethargischen Starre. Ruhig widmet er sich wieder seinem Tun und zerlegt das Erbstück seines Vaters. Deutsche Feinmechanik. Die Finger sind ölig.

Sie selbst hatten nie Kinder gehabt. Auch keinen Hund. Der Kaffee ist längst kalt. Suchend irrt sein Blick durch den Raum und bleibt schließlich an ihrem so mitreißend lebendigen Lachen hängen. An ihrem Lachen. Wie in dieser unbeschreiblichen Nacht in Paris. Als junger Student war er damals vor der Enge des Wirtschaftswunderpatriarchats in die Metropole an der Seine geflohen. Den Professoren widmete er das Mindeste an Aufmerksamkeit, hielt sich mit Gelegenheitsarbeiten über Wasser und verschwendete den größten Teil seiner Zeit an den Leichtsinn der Jugend. Bis zu eben jenem Abend in diesem kleinen Bistro am Montmartre. Da traf er sie. Er sah sie, ihr Lachen, und er wusste. Und in eben diesem Moment ihrer ersten Begegnung begann eine Liebe, die zu finden nur wenigen vergönnt ist.

Alles um sie herum wurde unwichtig. Die Nächte verbrachten sie in dem kleinen Hotel in einem abgelegenen Hinterhof. Sie trieben es wild. Verschliefen den nächsten Morgen, und trieben es wieder. Redeten, tranken, und fickten wie im Fieber. Manchmal sah er sie noch, wie sie sich lockend räkelte auf dem schmalen, quietschenden Bett in ihrer jugendlich prallen Schönheit. Ihm die feuchte Scham entgegenstreckte und ihn rief. Später gingen sie zurück nach Deutschland. Ihre Leidenschaft nahmen sie mit. Überall hin. Sie reisten viel. Von der Südsee bis zum Nordkap. Am Ende blieb die Schachtel, die sie ihm im Krankenhaus gaben.

„Weißt Du noch, Liebes?“, fragte er. „Damals in Paris?“.
Sie lachte ihn an. Sie wusste.
„Ich gehe ein Stück“, sagte er. Er strich ihr sanft über die Wange im Vorbeigehen, und leise fiel die Tür hinter ihm ins Schloss.
Ziellos streifte er durch die Straßen, blickte in Schaufenster, ohne etwas zu sehen. Und niemand sah ihn. Diesen alten, aufrechten Mann. Akkurat gekleidet, das spärliche Haar sorgsam gescheitelt. Dünn ist er geworden. Und sein Lächeln bitter. Er kehrt zurück.

Gewissenhaft setzt er die Teile zusammen, prüft ihre Funktion. Er ist zufrieden.
„Auf Wiedersehen, Liebes!“.

Der Anblick für die Beamten ist in seiner verzweifelten Eindeutigkeit grotesk. Der alte Mann ist am Küchentisch zusammengesackt. Auf dem Sideboard gegenüber das Bild einer wunderschönen Frau. 60er Jahre. Vermutlich. Die schwarze Schleife am Rahmen ist verstaubt. Fetzen Rot auf der Tapete. Auf dem Boden eine alte Pistole. Und eine alte Postkarte. „Einmal noch Paris“.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.