Ein lecker´ Mädchen

Jener letzte Sonntag im August war einer dieser Tage, die ihnen in Erinnerung bleiben sollten. Nicht im Detail der alltäglichen Kleinigkeiten, ihre Stimmung umso mehr. Diese liebevolle Ausgelassenheit, wie sie Familien zu eigen scheint. Übertönt nur von Wehmut in losem Gemenge. Die Älteste zog aus in die Weite der Großstadt. Für die Eltern zu früh. Aber es war Zeit. Und so halfen sie alle beim Umzug. Der Vater, ein asketischer, tiefgläubiger Mann, trug Kiste um Kiste in stoischer Ausdauer. Die jüngeren Geschwister standen im Weg, und die Mutter hatte stoßbetend Stullen geschmiert, wie sie es immer getan hatte bei ihren Ausflügen. Ein letztes Mal Familie. Auf ewig eingebrannt in ihre Seelen wie ein verkrustetes Mal, das aufbricht immer wieder.

Am nächsten Morgen fühlt sie das bange Gefühl von Einsamkeit das erste Mal in ihrem jungen Leben. „Sei freundlich“, hatten die Eltern beim Abschied gemahnt. Sie dreht das Radio an, wie jeden Morgen. Das monotone Geräusch der Kaffeemaschine wirkt beruhigend. Mit nichts weiter bekleidet als ihrem großen, sonnenblumenbemusterten Kaffeebecher erkundet sie ihr neues Zuhause. Eineinhalb Zimmer, Kochzeile, Bad im sechsten Stock. Überschaubar. Prüfend betrachtet sie ihre Nacktheit in dem großen Spiegel. Sie fühlt sich wohl in ihrer Haut. Kein Modeltyp, nicht wirklich schlank. Knackig fest geformt am rechten Fleck. Ein paar Selfies für das digitale Universum. Einen festen Freund hat sie nicht. Sie genießt den Anblick ihres Gegenüber. Die Sonne scheint direkt auf ihren Bauch und ihre Scham. Die Wärme macht sie geil, und ungehemmt besorgt sie es sich selbst. Neue Freiheit.

Später am Tag steht sie, in einem kurzen Sommerkleid adrett gekleidet, vor der großen Wand in der Eingangshalle. Eine unendlich scheinende Fläche aus kleinen Türchen. Zweihundertsechsundfünfzig Briefkästen hat sie gezählt. Einundzwanzig davon ohne Namen. Einundzwanzig. So alt wird sie in ein paar Wochen. Ihr Name wird einer sein unter vielen. Aber die kleine Wohnung ist billig. Sie probiert die Schlüssel aus. Den Mann neben sich bemerkt sie erst, als er sie anspricht:

„Bist Du neu hier?“, fragt er.
„Ja.“, erwidert sie.

Er stellt sich kurz vor. Schon etwas älter. Mitte vierzig, schätzt sie. Aber gut sieht er aus. Er wirkt deplatziert in der Tristesse der Halle. Verlegen nimmt sie seine Einladung auf ein Willkommensbier an. Was ist schon dabei?

„Bis später dann!“, sagt er und verschwindet in Richtung der Aufzüge. Sie fühlt sich geschmeichelt. Das Öffnen und Schließen der Türen hallt durch den Schacht.

Sie sitzen zusammen wie jeden ersten Freitag im Monat. Sie genießen diese Auszeit unter sich. Typische Männergespräche über Fußball, Autos und Politik. Und über Frauen. Alle sind sie verheiratet. Glücklich. Die einen mehr, die anderen weniger. Bis auf ihren Gastgeber. Er ist ein begnadeter Koch. Einen Stern hat er schon. Von allen verdient er am meisten, und müsste in diesem Hochhaus nicht wohnen. Aber in seiner Freizeit genießt er die Anonymität, sagt er. Jetzt hantiert er klappernd in der Küche. Ein prüfender Blick in den Ofen.

„Nur noch die Soße“, murmelt er.

Die anderen lehnen albernd im Türrahmen. Wie es denn nun sei mit ihm und der großen Liebe, fragen sie. Wie immer. Und wie schon einige Male zuvor antwortet er zögernd.

„Ich hab´ da eine kennen gelernt, neulich. Ganz jung noch. Blond, mit grünen Augen. Die wirkte ganz unschuldig.“

Mit geübten Handgriffen richtet er die Teller an und serviert. „Wann stellst Du sie uns vor?“, feixen sie anderen.

„Dieser Duft“, schwärmt er. „So frisch! Und bei ihrem Lächeln konnte ich einfach nicht widerstehen. Ein lecker´ Mädchen! – Lasst es Euch schmecken!“.

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