Dünner

S.Dali – Die Beständigkeit der Erinnerung

“Guten Morgen!”, sagt er und betritt das Wartezimmer seines Hausarztes. Dabei wirkt er nicht übermäßig freundlich, aber er sagt es auf diese besondere Art, die nur wenigen Menschen zu eigen ist. Obwohl er niemanden dabei direkt ansieht, fühlt sich jeder der Anwesenden persönlich angesprochen. Eine ältere Dame erwidert leise seinen Gruß und lächelt dabei still. Hüsteln. Zwei Männer, von denen einer so aussieht, als habe er bereits den ersten der beiden großen Kriege miterlebt, heben kurz ihren Blick und nicken mürrisch, als habe er sie gestört. Ein junger Mann grüßt lässig mit der linken Hand, lässt sich aber sonst nicht weiter bei seiner Lektüre eines Motormagazins stören. Einzig das fette Mädchen in der Ecke starrt weiter ausdruckslos in ihr Telefon. Er setzt sich. An der Wand zu seiner Rechten ein paar Urkunden, schlicht gerahmt. „Herr Professor von und zu, es ist uns eine Ehre“. Das Übliche. Links ein heller Fleck inmitten des unübersehbaren Grau der Zeit. Daneben ein Gruppenbild der Belegschaft. Wohl um Kompetenz und Zuversicht zu vermitteln. An manchen Stellen bröckelt die Farbe. Gegenüber, übergroß, Salvador Dali´s „La persistencia de la memoria“. Die Beständigkeit der Erinnerung.

Als sie sich zuerst begegneten war Frühling. Die Sonne ließ den Regen der letzten Tage vergessen. Leichte Federwölkchen am blauen Himmel spiegelten sich in den letzten Pfützen. Menschen strömten ins Freie, trafen sich in den hastig geöffneten Cafés, als hätte der Winter sie gehemmt zu sprechen. Sie lachten, atmeten freier. Drängten sich auf den Plätzen der Stadt, wie auch auf dem kleinen Flohmarkt, etwas abseits gelegen auf dem Parkplatz zwischen zwei Kaufhallen. Ihre Hände berührten sich, als sie gleichzeitig nach einer alten Schallplatte griffen. The Beatles. „Julia“. Ihrem Lächeln hatte er nicht widerstehen können, und so überließ er ihr die Platte. Sie revanchierte sich mit einer Einladung. Sie kochten gemeinsam, aßen und lachten. Sie tranken, rauchten und hörten Musik. Dabei redeten sie ununterbrochen und entdeckten Gemeinsamkeiten. In der Morgendämmerung begann ihr gemeinsames Leben mit einem berauschten Fick, von dem sie später sagte, nie zuvor bei einem ersten Treffen so weit gegangen zu sein. Sie ignorierten die Zweifler, und die Neider auch. Studierten, gründeten eine Familie, zogen ihre Kinder groß und machten Karriere. Während sie immer auf ihre Ernährung achtete und Sport machte, wurde er immer dicker. Gefangen im Alltagsstress. Er war einfach zu viel unterwegs. Bis sie ihm das Feierabendbier verwehrte, die Nüsse, und zickig wurde, wenn er rauchte. Sie ist alles für ihn, sie und die Kinder. Also strengte er sich an, achtete wieder mehr auf sich, begann zu laufen. Allein der Zeiger an der Waage blieb standhaft. Über zwei Jahre. In den letzten vier Wochen verlor er fünfzehn Kilo und er fühlt sich so, wie der Veteran am anderen Ende des Wartezimmers aussieht. Dabei ist er erst halb so alt wie sein Gegenüber. Anfang vierzig. „Kein Grund zur Sorge“, sagte sein Arzt später. „Ist es nicht das, was sie wollten?“

Was einst so wundervoll und groß begonnen hatte in dem zauberhaften Moment, in dem ihre Hände sich das erste Mal berührten, endet nur drei Monate später erbärmlich in der Tristesse des Zimmers zweihundertelf der Onkologie eines städtischen Krankenhauses in Mitteldeutschland.

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