Die Diagnose

Eine gefühlte Ewigkeit schon starrt er auf den zerknitterten Umschlag am anderen Ende des Tisches. Die nackte Glühbirne malt Lichtkreise in der schäbigen, kleinen Küche. Er atmet schnell und flach. Sein Nacken vibriert vor Anspannung. Er nimmt einen tiefen Schluck aus der Flasche. Wie schnell man sich doch an den Geschmack des Fusels gewöhnt. Langsam wird er ruhiger. Er ist verdammt zu warten.

Vorher war sein Leben ein anderes gewesen. Vor seinem vierundvierzigsten Geburtstag. Wer geht schon an seinem Geburtstag zum Arzt? Es war ja nur dieser Schmerz im Magen. Mal stärker, mal weniger. Ein verlässlicher Begleiter jedoch. Stress eben. Ein anderer Termin war nicht frei gewesen. Das hatte er davon. Als ob das Datum etwas daran geändert hätte. Die Laborergebnisse kamen nur drei Tage später. – Ein Jahr noch. Eher weniger.

Die schwere Kristallglasvase, auf die Mutter so stolz war, fiel mit dröhnender, alles in Frage stellender Langsamkeit und zersplitterte in die kleinsten Fragmente seines kindlichen Universums. Und vier Dekaden später explodierte sein Leben innerhalb eines Atemzuges nahezu geräuschlos in Trilliarden schwarzer Scherben. „Fick Dich!“, sagte er in Richtung der routinierten Betroffenheit. Am selben Abend trennte er sich von Frau und Kindern und ließ das vorstadtidyllische Haus samt Geburtstagsgesellschaft hinter sich. Seit diesem Abend zählte er dreihundert rückwärts, dem Tag X entgegen. X für Kreuz. Und Kreuz für Tod.

Von dreihundert auf Null in ekstatischer Geschwindigkeit. Dreihundert Sonnenaufgänge in verschiedenen Städten, Ländern und Kontinenten. Er musste keine Rücksichten nehmen, auf nichts und niemanden, am Wenigsten auf seine Gesundheit. Den Morgen von Tag eins erlebte er hoffnungslos betrunken und völlig mittellos am Rande irgend eines Goa- Festivals am anderen Ende der Welt. Seine Frau, inzwischen neu liiert, sorgte für seinen Rückflug nach Deutschland unter der Bedingung, sich von ihr und den Kindern fern zu halten.

Seine Existenz war restlos und nachhaltig zerstört. Nur er nicht. Seit seinem persönlichen Tag X machte er nun jeden Tag einen Strich auf der vergilbte Tapete im schmalen Flur der Sozialwohnung im siebten Stock. Neunhundertsiebenunddreißig. Bedächtig stellt er das leere Glas auf die Wachstuchdecke des Küchentisches und nimmt den Umschlag in die Hand. Es klopft. Ihr Zeichen. Er ignoriert es. Die Adresse in der gestelzten Schrift seiner Frau. Ein Brief vom Arzt. Es klopfte wieder. Ein Therapievorschlag wahrscheinlich. Das Sozialamt bezahlt keine Therapie.

Klopfen an der Tür. Gelegentlich kommt die kleine Blonde von Gegenüber, wenn ihr alles zu viel ist zuhause. Anfangs hatten sie sich nur unterhalten. Eines Abends hatte sie ihm hingebungsvoll den Schwanz gelutscht. Weil er ihr so nett zuhörte, hatte sie gesagt. Vielleicht war aber auch nur der billige Rotwein Schuld gewesen. Seit dem ficken sie jeden Freitag Abend, wenn ihr Mann mit seinen Jungs in der Kneipe um die Ecke sitzt.

Wieder klopft es. Genervt reißt er den Umschlag auf. Nach fast drei Jahren. Und nur ein einziges Wort brennt sich durch die Netzhaut in sein Hirn.

Fehldiagnose.

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