Das Shooting

Es ist noch früh. Zu früh für ihn. Normalerweise. Er nimmt einen Schluck aus der Thermoskanne. Der Kaffee ist bitter. Die ersten Nebelschleier hängen feucht über den Wiesen. Die Felder sind abgeerntet. Ein Schwarm Krähen landet um zu fressen, was noch übrig ist. Noch ein paar verspätete Kornblumen am Rande. Ein totgefahrener Igel. Die Sonne tanzt hellblass über den Wipfeln der Bäume. Die ersten Blätter umso leuchtender gelb. Nieselregen. Es ist frühherbstlich kalt. Aber die Wetterapp verspricht vierundzwanzig Grad und Sonne. Das Licht wird gut sein. Sonst ist nichts normal an diesem Morgen.

Zufällig waren sie sich wieder begegnet in dem kleinen Café am Marktplatz des kleinen Kaffs, in dem sie meist ihre Freistunden verbracht hatten. Er hatte sie nie leiden können. Tochter aus besserem Haus. Intelligent. Zudem das schärfste Mädchen an ihrer Schule. Und sie war sich dessen bewusst. Inszenierte Arroganz. Mit keinem gab sie sich ab. Die Jungs aus der Schule munkelten, sie treibe es mit einem Mädchen aus der Elften.

Während er sich, unentschlossen, mit einem Job bei der Lokalzeitung ein wenig Geld verdiente, widmete er sich in seiner Freizeit der Fotografie. Seine alte Analogkamera ist sein Auge. Sein rechter Zeigefinger der Wimpernschlag in eben dem Moment, der darüber entscheidet, ob ein Foto nur gut ist oder mehr. Traumfänger, hatte sein Vater mal gesagt. Sie hingegen folgte dem Begehren der Familie um Marketing zu studieren. Zwei Jahre hatten sie sich nicht gesehen, bis sie letzte Woche vor ihm stand und ihn ansprach. Das hätte sie nie getan, damals. Aber sie sei begeistert von seinen Bildern, sagte sie. Um ihren Lifestyleblog zu pushen, brauchte sie Fotos von sich. Von ihm. Zwei Tage später sagte er zu.

Noch ein Schluck Kaffee. Sie sitzt neben ihm auf dem Beifahrersitz seines alten Benz. Für den Moment ist sie viel zu leicht bekleidet, und ihre Nippel machen ihn nervös. Sein Begehren ist wieder geweckt. Langsam lenkt er den Wagen über die Feldwege. Sie sprechen kaum. Vor der alten Jagdhütte am Waldrand hält er an. Sie wird seit Jahren nicht mehr genutzt. Die amorphen Strukturen sind verwittert. Vintage-Style als Hintergrund für den Hipster Lifestyle. Während er seine Kamera vorbereitet, versucht sie die ersten unsicheren Posen. „Können wir endlich anfangen?“.

Schweigend nimmt er sie in den Sucher, stellt scharf. Und nimmt die Kamera wieder herunter. „Was ist mit Dir?“, fragt sie. „Du bist zu blass“, erwidert er. „Dann unternehmen sie etwas dagegen, Herr Fotograf“, erwidert sie und beugt sich nach vorn, so dass er ihren Slip sehen kann. Seine Bedenken ignoriert er und erweckt seinen Traum. Er nimmt sie von hinten auf der Motorhaube seines Wagens. Sie kommt zwei Mal kurz hintereinander. Sie hätte nicht sagen können warum. Aber im Vergleich zu dem was sie bisher als Sex kannte, ist das ihr erster wirklicher Fick.

Sieben seiner acht Filme sind voll. Sieben mal sechsunddreißig. Zweihundertundzweiundfünfzig Fotos von der Frau, die er seit ihrer Schulzeit angebetet hatte. Die meisten von ihnen würden wohl zu scharf sein für ihren Blog. Aber das ist jetzt wirklich egal. „Na los“, ruft sie. „Komm, noch mal.“. Doch das … Klicken der Kamera blieb aus. Langsam drehte sie sich um.

Für die zeitlose Ewigkeit eines Wimpernschlags weiteten sich ihre Augen. Ihre Lippen öffneten sich. Er vermutete, sie wolle schreien. Doch dieser Bruchteil der Zeit war von absoluter Lautlosigkeit. Klick. Das feine Geräusch der Mechanik multiplizierte sich in seiner Endgültigkeit ins Unerträgliche und hallte über die Äcker. Ein Schwarm Krähen stieg auf und schrie.

Nach der Schneeschmelze entdeckten spielende Kinder die Leiche eines jungen Mädchens. Was von ihr blieb war eine kleine Randnotiz in der Lokalpresse.

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